IV. In preußischer Zeit

Mit der Errichtung der preußischen Westprovinzen ab 1815 begann für die Ursulinenschulen eine neue Epoche.

Zum erstenmal liegt mit dem Bericht des seinerzeitigen Leiters des Düsseldorfer Archivs H.J. Kerris (noch aus der Zeit der Grunerschen Verwaltung) eine ausführliche Quelle vor, die den Ist-Zustand der Schulen in der Trägerschaft der Ursulinen darstellt1. Gleichzeitig sicherte eine Ministerialverfügung des preußischen Innenministers und Leiters der Kultussektion Schuckmann die Ursulinen in ihrer Existenz "wegen der anerkannten Nützlichkeit des Ordens"2, indem er den Beitritt von Novizinnen gestattete3.

Dennoch blieb die Rekonstruktion des Schulbetriebs schwierig: Die neue Epoche begann mit einer Wirtschaftskrise (1817ff), und auch die finanziellen Ressourcen der Ursulinen waren erschöpft. Die Internatserziehung auswärtiger Mädchen mußte völlig eingestellt werden, Versuche der Wiederaufrichtung des Pensionats schlugen fehl; die Französische Schule konnte ebenfalls nicht durchgehalten werden. Einkünfte aus dem Schulbetrieb flossen dem Träger nicht zu, gelegentlich halfen Stiftungen. In einem Bericht der städtischen Schulkommission vom Dezember 1835 wird die Schülerinnen-Zahl mit 115 angegeben, die "in guter Ordnung" in zwei Lehrzimmern "mit gutem Erfolg" unterrichtet wurden4. Eine Besserung der finanziellen Lage ergab sich erst, nachdem seit 1. Dezember 1840 die Ursulinenschule als "St.Lambertus-Pfarrschule" öffentlich vertraglich etabliert wurde5: Die "Lehrerinnen machen keinen Anspruch auf Gehalt"; die Taxe des monatlichen Schulgeldes wurde auf 7 1/2 Silbergroschen festgesetzt (wobei zugleich bestimmt wurde, daß die bisher kostenfrei unterwiesenen Mädchen auch weiterhin darauf Anspruch hatten); die Stadt zahlte für die beiden Schulräume eine Miete von (anfangs) jährlich 150 Tln6. Damit hatte die Schule ab 1840 die ersten regelmäßigen, vertraglich gesicherten Einkünfte.

Sechs Jahre später besuchten schon 325 Schülerinnen die Pfarrschule; 1858 wurde bei steigender Nachfrage eine höhere Lehranstalt für katholische Mädchen (als Nachfolge-Institut der seinerzeitigen Französischen Schule) mit anfangs 107 Schülerinnen ins Leben gerufen7. Dies alles war nur unter Anspannung aller Kräfte und persönlicher Bedürfnislosigkeit der Schulträgerinnen zu bewältigen8.

Den Erfolg der wieder doppelgleisigen Schultätigkeit der Ursulinen kann man an der Tatsache ablesen, daß alle Elementarlehrerinnen von Düsseldorf bis zum Beginn des preußischen "Kulturkampfes" ihre Probelektionen vor Ursulinenschülerinnen ablegen mußten.

Umso härter traf die Ursulinenschulen - wie alle von katholischen Orden getragene Anstalten - die Gesetzgebung des II. Reiches und Preußens9 während der sog. Kulturkampfperiode. Was die Ursulinen angeht: Zunächst wurde bemängelt, daß "zusammengehörige Lehrgegenstände" (gemeint waren preußische Geschichte und Geographie!) von unterschiedlichen Lehrschwestern unterrichtet wurden; dann mußten Statuten und Regeln, Angaben über die jurisdiktionelle und andere Verbindungen des Ordens zur geistlichen Leitung und zu anderen Orden gemacht bzw. eingereicht werden10, usw. Kurz, alle Einwendungen und Berufungen auf landesherrliche Privilegien, pfalzbayerische, großherzoglich-bergische und preußische Regelungen, Zusicherungen und Verträge halfen nichts: Die Elementarschule und die höhere Lehranstalt wurden auf Grund des preuß. Gesetzes über Orden und Kongregationen vom 31. Mai 187511 zum 1. Oktober 187512 aufgelöst. Damit hatte alle Unterrichtstätigkeit der weitaus ältesten Mädchenschule Düsseldorfs ihr (vorläufiges) Ende gefunden13.

Nach der erzbischöflichen Erlaubnis, ihren Besitz in der Stadt (Kloster und Schulgebäude, die nach kanonischem Recht profanem Geschäftsgebaren entzogen sind) "versilbern" und ins Ausland (zunächst in die Notunterkunft der Infanteriekaserne von Maastricht14) gehen zu dürfen, waren die Schulgebäude an der Ritterstraße/Ursulinengasse ohne das seit rd. 200 Jahren gewohnte Leben.

Auf die vage Hoffnung hin, daß diese Maßnahmen der Reichs- und preußischen Regierung nicht deren letztes Wort sein könnten, erwarb ein Konsortium Düsseldorfer Bürger die Immobilien, um sie gegebenenfalls den Schwestern wieder zueignen zu können15.

   1. Unter versch. Aspekten ausgewertet in der FS S. 88ff
   2. HStAD, GGB 247; S. 87
   3. Das Wiedererstarken des Katholizismus im 19. Jh. zeigt die Zahl der Beitritte: Bis 1860 traten 22 für das Lehramt befähigte Novizinnen ein; bis 1875 noch einmal 15. Will man abschätzen, welch turbulente Zeit Kloster und Schulen der Ursulinen überlebt hatten: Von den 123 geistlichen Gemeinschaften des rechtsrhein. Teils des Ebtms Köln gelang dies nur sieben (Hegel 5o6)!
   4. Stadtarchiv Düsseldorf (StAD), II, 700
   5. Votum des Stadttrates vom 9. März 1841 unter OB v. Fuchsius
   6. Vertrag wie Anm. 4
   7. weitere Angaben FS S.92
   8. Bericht des geistlichen Kommissars: Archiv d. Ebtms Köln (AEK), GV überh. Df. 1I
   9. im einzelnen: Hegel, in Rhein. Gesch. Bd. 3, 1979; 382ff
  10. wie Anm. 4, Nr. 8
  11. dazu: Huber, Dt. VerfGesch. Bd. 4; 736f
  12. StAD, II 65o; Bl.1f
  13. Zur plast. Verdeutlichung der Wirkung der preuß. Regierungsmaßnahme: HB d. Erzdiöcese Köln, 14. Aufl. 1878; S. 343ff
  14. Nachricht d. Gemeent Archief Maastricht
  15. Es waren die Herren Gf. Spee, v. Heister, Bouverot und Cremer.

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