III. Gefährdungen unter dem Einfluss der Säkularisierung

Gleichwohl mühten sich die Ursulinen, ihren Ordensverpflichtungen nachzukommen. Und es scheint so zu sein, daß trotz der Schwere der Zeit die Arbeit nicht vergeblich war. Die Konsolidierung erweist sich im nachhinein - trotz gelegentlicher Rückschläge - als Prozeß der Metamorphose der Schulen aus spätfeudalen Einrichtungen in (stadt-)bürgerlichen Interessen dienende Institutionen - immer mit dem ordensspezifischen Schwerpunkt der Mädchenbildung.

Die größten Gefährdungen für den Bestand der Ursulinenschulen (völlig in Parallelität mit der Situation der jesuitischen Bildungsinstitutionen in der Stadt ab 17731 gingen von der staatlichen Schulpolitik aus, die Teil einer gesamtstaatlichen Finanz- und Reorganisationspolitik war, und von den Säkularisationsbestrebungen, die als sog. "Vorsäkularisationen"2 noch im 18. Jh. einsetzten und erst zu Beginn der preußischen Zeit im Rheinland ihr Ende fanden.

Es ist dazu noch zu bedenken, daß für die Ursulinen die Kommunikationswege - wie für die Düsseldorfer Bevölkerung allgemein - wechselten: Berg war bis 1806 pfalzbayerisches Nebenland (seit 1803 unter einer Apanagialregierung), danach bis 1813 frz. Satellitenstaat (de facto in der Hand Napoleons), nach dem Zwischenspiel des Generalgouvernements ab 1815 Teil einer preußischen Provinz; nach Flucht und Tod des letzen Kölner Erzbischofs der alten Zeit waren nach der 180l erfolgten Suppression der Kirchenprovinz auch die kirchlichen Stränge unsicher geworden.

Vor dem Frieden von Lunéville 1801 begann die Säkularisation mit dem landesherrlichen Verbot des Verkaufs von geistlichen Gütern und der Registrierung der landesherrlichen Gratialien3; es folgten die Aufnahme aller Klöster hins. Real- und Personalstatus4 und der Errichtung einer Zentralbehörde in München und der Separatkommission in Düsseldorf5. Trotz des Widerspruchs der Stadt Düsseldorf und der Landstände6 wurden die Maßnahmen durchgeführt. Betroffen waren die Ursulinen von Düsseldorf von allen diesen Maßnahmen: In dem endgültigen ImmediatReskript vom 12. September 18037 wurden sie im §19 einer staatlichen Kontrolle unterworfen ; das war das Ende ihrer "eigenberechtigten Gewalt"8; im §29 wurde den Schwestern, die sich mit "dem beschwerlichen Amt der Erziehung" befaßten, eine staatliche Gratifikation versprochen; gleichwohl sollten sie "sobald möglich" ersetzt werden; Novizen aufzunehmen wurde untersagt. Was das für den insgesamt überalterten Konvent bedeutete, könnte im einzelnen nachgewiesen werden.

Trotz der wenig ermutigenden Aussichten war für die Ursulinen und ihre Schulen angesichts der sonstigen,allenthalben durchgeführten Aktionen mit diesem Reskript zumindest Zeit gewonnen.

Noch während der französischen Besatzungszeit (1795 - Ende Mai 1801) wurden die bisherigen (weitgehend erfolglosen) Bemühungen um Hebung des Schulwesens in Berg und Düsseldorf fortgesetzt. Das Gutachten des Polizeikommissars Schauberg vom Januar 18009 gibt einen Einblick ins katholische untere Schulwesen der Stadt und erwähnt dabei positiv die Ursulinenschule (nicht jedoch deren Frz. Schule und das Pensionat). Maßnahmen wie: Gründung einer staatlichen Schuldeputation (Febr. 1800), einer städtischen Schulkommission, Planungen betr. Einführung der sog. "Normallehrart", Errichtung brauchbarer Schulhäuser, Sorge für eine gesonderte Mädchenerziehung (besonders aller Maßnahmen, die über die spärlichsten Elementarkenntnisse hinausgingen), Ausbildung und Prüfung von Lehrern, Kontrolle des Schulbesuchs betrafen insgesamt das niedere Schulwesen10, damit im wesentlichen auch die Ursulinenschule. Deren bisherige Französische Schule war seinerzeit schwach frequentiert; zum Überblick über die ursulinische Entwicklung folgende Tabelle:

Datum Aussagen betr. Dt Schule desgl. betr. Frz. Schule und Pensionat Quelle (alle HStAD)
Jan 1798 100 arme Kinder einige Pensionärinnen Reg. Df. 3897
Jan 1800 der Kinder genug Ausschöpfg. d. Kapazität nicht erwähnt J-B II 1255 (Schauberg)
Nov 1800 Arme (ungen. Zahl) Frz. Sch. erwähnt (keine Zahl) Reg. Df. 3897
Okt 1803 Kinder unbek. Zahl desgl. (Pens. nicht erw.) J-B II 6147 I
Apr 1804 Arme (abnehmende Z.) nicht erwähnt GGB 247 (Hirsch)
Dez 1806 tenir Ecoles et Pension Reg. Df. 3897
Okt 1807 100 Arme nicht erwähnt desgl.
Sep 1808 150 arme Stadtkinder 50 Sch. in d. Frz. Sch. GGB 247 (Hardung)


Des beschwerlichen Geschäftes der Erziehung wegen erhielten die Ursulinen tatsächlich während jener Jahre teils Geldzahlungen (60 Rtlr. oder 90 Ecus bzw. 300 Frs11), teils Gratialien in Form von Weizen oder Roggen. Das Aufnahmeverbot wurde zudem (erstmals Sept. 180612) gelockert. War auch die inzwischen eingetretene Konkurrenzsituation mit den laizistischen Lehrinstituten13 in Düsseldorf für die Ursulinenschulen ungewohnt, so brauchten sie doch die Auseinandersetzung nicht zu scheuen. Jedenfalls sind sie - wenn man die dokumentierte, an den Schulen verwendete Literatur betrachtet - absolut auf der Höhe der Zeit (was Düsseldorfer Verhältnisse angeht): B. Overbergs "Anweisung zum zweckmäßigen Schulunterricht", R. Jochmarings "Rechenkunst", S. Mutschelles "Geschichte Jesu", E. v. Rochows "Kinderfreund", J.Chr. Adelungs "Sprachlehre" und "Orthographie"14; dazu kamen für den Französisch-Unterricht Joh. Val. Meidingers "Französische Sprachlehre" und D. Jos. Mozins "Premier-.ABC de l’enfance"15. An humanistische Traditionen konnten Mädchen erst in unserem Jahrhundert anknüpfen.

   1. Vgl. F. Lau, Gesch. d. Stadt Düsseldorf I 1921 ; S. 192f
   2. Scheglmann, nach StaatsLex. VI; Sp. 1071
   3. U. Klein, Die Säkularisation in Düsseldorf, in: AHVN l09; S. 5 (Diese grundlegende Studie hat übrigens eine spätere Oberin der Düsseldorfer Ursulinen zur Verfasserin.)
   4. Klein, 6
   5. Klein 8f; HSTAD, J-B II 4573
   6. Klein 10; HSTAD, J-B II 5811
   7. Scotti 2715
   8. Döberl, zit. nach Kat. Wittelsbach III,1; S.126
   9. auszugsweise gedruckt: W. Schäfer, Die ideengesch. Grundlagen der Reform des Volkschulwesens ... 1929; S.16ff
  10. HStAD, J-B II 1255; Scotti 2591, 2650f, 2656; grundlegend: Zimmermann, Die Anfänge u.d. Aufbau d. Lehrerbildungs- und Volksschulwesens am Rhein um die Wende d. 18.Jhs. 1953ff; pass.
  11. zusammenfassend: HStAD, Generalgouvernement Berg (GGB) 248; S. 1f
  12. Zugunsten der Tochter des seinerzeitigen Brüsseler Residenten der Thurn- u. Taxis-schen Postverwaltung Fr. von Becker, HStAD, GGB 247, S.3
  13. Z.B. die Institute der Theodore von Eichelberg (Ritterstraße 26) und der Geschw. Döring (Kniffler, Beitr. z. Gesch. d. Schulwesens zu Düsseldorf, in: BeitrGschNrh 4; 8. 284f
  14. HStAD), GGB 247; 52
  15. Ebend. S. 60ff

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