V. Auf dem Weg zur gymnasialen Mädchenbildung - Gefährdungen im preußisch-deutschen Reich und im sog. Dritten Reich

Schon 1883 im Dezember, nach dem Beginn der Revision des sog. Kulturkampfes1 setzten Bemühungen um die Wiedereröffnung der Schulen ein. Es hatten sich beim Schulträger selbst jedoch erhebliche Veränderungen vollzogen: Die Düsseldorfer Ursulinen hatten sich mit einer ähnlich arbeitenden Schwesterngemeinschaft, den Salvatorschwestern von Münstereifel (ebenfalls in den Niederlanden im Exil lebend), zusammengeschlossen (März 1883); diese hatten inzwischen ein Pensionat in Roermond betrieben2.

Nachdem die preußische Obrigkeit im Mai 1888 den Ordensniederlassungen die Korporationsrechte wieder verliehen hatte und in Konsequenz dieser Entscheidung die ehemaligen Düsseldorfer Ursulinen wieder tätig sein durften3, konnte der Schulbetrieb schon am 7. Mai 1888, beginnend mit sieben Klassen und 157 Schülerinnen (!), unter lebhafter Anteilnahme der städtischen Bevölkerung aufgenommen werden4. Es muß dabei festgehalten werden, daß die damalige Oberin M. Ursula Scheeben noch von Roermond aus und gegen den Rat des Kölner Erzbischofs nicht nur daranging, den Elementarschulbetrieb wieder aufzunehmen, sondern die Bedürfnisse der Mädchen in einer rapide sich wandelnden Welt nach Teilnahme an der bisher i.w. den Jungen vorbehaltenen höheren Schulbildung (bis hin zur Zulassung zum Studium) zu befriedigen.

Der Erfolg gab der Oberin des Schulträgers recht: Nach einer in der Ordensregistratur geführten Statistik besuchten am Ende des ersten Jahres 1888 insges. 204, zehn Jahre später 467, 1905 insges. 539 Schülerinnen (in diesem Jahr in 15 Klassen) den Unterricht. Wegen der starken Ausdehnung der Stadt Düsseldorf - insbesondere südlich der Friedrichstadt wurden große Wohnquartiere errichtet - und wegen der Nachfrage der Eltern nach Aufnahme ihrer Kinder in die "Ursulinerinnenschule" mußte an eine Filiale gedacht werden. Am 25. April 1906 wurde deshalb auf dem Fürstenwall die St. Angela-Schule mit 247 Schülerinnen in acht Klassen eröffnet5; mit der dadurch auf 367 Mädchen abgsunkenen Schülerschaft der St. Ursula-Schule unterrichteten die Ordensschwestern und ein weltliches Lehrerinnenkollegium 614 Mädchen.

Wie richtig M. Ursulas Entscheidung war, zeigte sich 1908, als durch "Allerhöchsten Erlaß" (Kg. Wilhelms II.) vom 15. August und Erlaß des Kultusministers Holle vom 18. August die Studienanstalten für Mädchen die Vergleichbarkeit mit denen der Jungen erhalten konnten. Die St. Ursula-Schule erreichte die Anerkennung am 26. Juli 1909 und wurde am 1. Februar 1912 zum Lyzeum erhoben; die St. Angela-Schule erreichte die Anerkennung gleichzeitig6, später wurde diese Anstalt in den Rang eines Ober-Lyzeums (reform-realgymnasialer Richtung) erhoben. Damit war Studierfähigkeit, besser: -berechtigung der Mädchen erreicht.

Nach der Jahrhundertwende reichten die Mittel der Schwestern längst nicht mehr, die Kosten der Schulen zu tragen. Wiederholt wurden Anträge an die Stadtverordnetenversammlung um Unterstützung gestellt - und wiederholt vom sog. "Rathausliberalismus" abgelehnt. In der Diskussion wurde das Schülerinnenpotential in der Stadt Düsseldorf deutlich: Drei städtische Lyzeen wurden von 1088, drei paritätische von 598, vier konfessionell katholische von 1619 Schülerinnen besucht; die paritätischen Schulen wurden mit 14000 M aus der Stadtkasse unterstützt - den katholischen Schulen sollte auf Antrag des Zentrums 16000 M (für die viel größere Schülerzahl wahrlich bescheiden) gewährt werden6a.

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich besonders die Ursula-Schule stürmisch: 1917 kamen 372 Mädchen zur Ritterstraße, 1926 waren es bereits 569. Die Schule hatte in den Jahren der Republik ein reiches Angebot. Durch ministeriellen Erlaß berechtigt, hatte sie die Möglichkeit, "einstweilen" noch die vier Grundschulklassen zu führen; das Lyzeum bestand aus sechs aufsteigenden Klassen (In Untersekunda wurde Zusatzunterricht in Latein erteilt, um den Mädchen ggf. den Übergang in ein Oberlyzeum zu ermöglichen); seit 1926 wurde eine staatlich anerkannte Frauenschule geführt; es gab ein- und zweijährige Lehrgänge zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen (Methoden Fröbel und Montessori); außerschulisch betrieben die Schwestern einen Kindergarten, ein Silentium, Kurse für Körperschulung, Gymnastik, Schwimmen, Kochen und Nadelarbeit; schließlich vermittelte die Schule Erholungsaufenthalte für Mädchen, die meistenteils unter Aufsicht eigener Lehrkräfte durchgeführt wurden7.

Wenn man bedenkt, daß nicht nur die beiden Schulen in Düsseldorf unterhalten wurden (1931 mit 440 bzw. 650 Schülerinnen, dazu rd. 100 Kindern im Vorschulbereich), sondern auch in Maastricht (500 Schülerinnen) und Roermond (270 Schülerinnen) die Institute aus der Kulturkampfzeit geführt wurden, dazu in Münstereifel (100 Schülerinnen), Köln-Mülheim (310 Schülerinnen) und Brühl (210 Schülerinnen) die Institute der ehem. Salvatorschwestern weitergeführt wurden8, kann man die Bedeutung der Gemeinschaft leicht erfassen.

Aber auch in diesem Jahrhundert folgten auf Jahre der Blüte solche des Überlebenskampfs:

Schon während der Jahre der Weltwirtschaftskrise (ab 1929) überlegten viele Eltern, ob die lyzeale Investition in ein Mädchen noch finanzierbar war (Rückgang der Schülerzahl auf 406 im Jahre 1932); zusätzliche politische Schwierigkeiten brachte der "völkische Staat"9.

Hatte man im katholischen Bevölkerungsteil geglaubt, mit dem Abschluß des Reichskonkordates am 20. Juli 1933 (relevant: Artikel 23, Satz 1) eine"Verteidigungslinie"10 erreicht zu haben, die auch gehalten werden könne11, so stellte sich dies mehr und mehr als Illusion heraus. Ohne jetzt im einzelnen auf die schleichende "Erdrosselung" insbesondere katholischer Privatschulen durch den nationalsozialistischen Staat eingehen zu können, einige wenige Einzelheiten und ihre Bedeutung für die Ursulinenschulen.

Durch Erlaß des preußischen Kultusministers (mitgeteilt vom Provinzialschulkollegium in Koblenz am 27. März 1933) durfte den Schülern nach Ablauf der Schulpflicht ein Abdruck der Reichsverfassung nicht mehr übergeben werden12; in dieser war immerhin in Art. 147 die rechtliche Situation der privaten Erziehungsanstalten abgesichert.

Ebenso bemerkenswert ist die Wandlung der Stellung des Direktors, der seit Ende 1933 an Beschlüsse der Lehrerkonferenz nicht mehr gebunden war und damit zum Führer der Anstalt wurde13. Seit August 1933 wurde in Schulen der sog. Deutsche Gruß gefordert14.

Wie stark die nationalsozialistische Gesetzgebung in das Schulwesen auch über das Steuerrecht eingreifen konnte, mag ein Beispiel verdeutlichen: Im Steueranpassungsgesetz vom 16. Okt. 1934 (RGBl. I, S. 925) wird in §1,.Abs.1 bestimmt: "Die Steuergesetze sind nach nationalsozialistischer Weltanschauung auszulegen."; in §17, Abs. 1: "Gemeinnützig (und damit im Sinne des Gesetzes förderungswürdig, Erg. vom Verf.) sind solche Zwecke, durch deren Erfüllung ausschließlich und unmittelbar die Allgemeinheit gefördert wird."; ein Personenkreis, der "nach Stand oder Religionsbekenntnis" durch ein "enges Band" "fest abgeschlossen" ist, erfüllt die genannte Forderung nicht (Abs. 4). Mit dieser Regelung konnten auf die Schulträger privater Anstalten Steuerzahlungen unbekannter Höhe zukommen, die ein freies Angebot nicht mehr finanzierbar erscheinen ließen15.

Zulassung und Versetzung hingen seit dem Schülerauslese-Erlaß des "Reichserziehungsministers" vom 27. März 1935 von körperlichen, charakterlichen geistigen und völkischen (in dieser Reihenfolge!) Mindestbedingungen ab; "hervorragende Führereigenschaften" eines Schülers verpflichteten die Schule zu "wohlwollendem" Verfahren bei der Versetzung16.

Seit 1936 (Erlaß des Reichserziehungsministers vom 25. April 1936) befand sich die Ursulinenschule "in Abbau".

Die Direktorin der Anstalt und der zuständige Dompropst Dr. O. Paschen suchten über den Bischof von Osnabrück (Ansprechpartner der Ordensschulen seitens der Bischofskonferenz, seit 1933 Preußischer Staatsrat) Wilhelm Berning zu retten, was zu retten war. Paschens Gedanke, die Abbauverfügung für die Ursulinenschule rückgängig zu machen, wird aus seinen handschriftlichen Ergänzungen auf der Kopie des Berning-Briefes an M. Ambrosia Kalschinski vom 23. Oktober 1936 deutlich. Wegen der Erinnerung an die inzwischen untergegangenen sonstigen katholischen höheren Schulen in Düsseldorf werden diese hier vollständig zitiert:

"In Rücksicht auf Planwirtschaft der kath. höh. Mädchenschulen in Düsseldorf, die alle gefährdet sind:

1) St.Anna-Ob.lyz. wegen der überaus schwierigen Finanzlage
2) St. Angela-Ob.lyz. (wegen) der Absicht der Stadt, dasselbe zu kaufen oder in dessen Bereich eine (städt.) Schule zu errichten
3) Ursula-L(yzeum) (wegen) des verfügten Abbaus
4) Marienschule wegen städtischer Absichten


war mein Vorschlag, Rücknahme der AbbauVerfügung von Nr. 3 zu betreiben, damit wenn Nr. 1 ausscheiden muß u. vielleicht 2 und 4 Schaden nehmen, Nr. 3 noch Gelegenheit zur Unterbringung kath. Schülern (sic) gäbe. Abbau von 3 wäre aus zwingenden persönl. Gründen noch immer möglich"17.

Umsonst. Die Stadt errichtete 1937 in den Gebäuden der St. Angela-Schule das (spätere) Helene-Lange-Gymnasium. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verfügte der Oberpräsident der Rheinprovinz am 26. Oktober 1939 die Schließung der im Abbau befindlichen St. Ursula-Schule mit Ende des Schuljahres 1939/4018. Die Schülerzahlen ab 1934: 338; 1935: 363; 1937: 255; 1938: 160; 1939: 101.

Drei Jahre später (Pfingsten 1943) brannte nach 256 Jahren das Kloster samt Kapelle und Schulen bis auf die Umfassungsmauern nieder.

1. dazu Huber, S. 778ff
2. vgl. Elsner, Die Ursulinen von St. Salvator, 1913; 8. 119ff
3. Düsseldorfer Volksblatt, 22. Jg. Nr. 119
4. dazu die FS von 1913
5. Düsseldorfer Tageblatt vom 25. April 1906; eröffnet wurde in einem Privathaus, der Schulbau konnte erst 1910 bezogen werden
6. Elsner, 138; vg1. Huber, S. 921 - Die Wertigkeit einer Mädchenbildung im öffentlichen Bewußtsein läßt sich an folgendem ablesen: Noch 1979 behandelt die repräsentative Rhein. Geschichte, Bd. 3, S. 496f, diesen wesentlichen Einschnitt in 23 Zeilen!
6a Kölnische Volkszeitung (1912 Dez.18, Nr. 1110)
7.nach einer Werbeschrift aus dem Ordensarchiv
8. Statistik aus dem Ordensarchiv anl. des 250jährigen Jubiläums; vgl."Die Stadt" vom 30. Juni 1931
9. Die Quellenlage für die Ursulinengeschichte aus schuleigenen Quellen wird hier zunehmend dürftiger, da beim Brand von 1943 auch die Registratur vernichtet wurde.
10. D. Albrecht, D. Hl. Stuhl und das Dritte Reich; S.37, in., Gotto/Repgen, Kirche, Katholiken und Nationalsozialismus, 1980
11. Weitgehend unerforscht die publizist. Praxis des Dr. Westhoff; z.B. in "Der Katholik" Nr. 23 (2.Juni 1935, S. 6)
12. Hist. Archiv d. Stadt Köln (HAStK) 208/169
13. ebend. 207/105
14. ebend. 560/793 ; jew. zit. nach der vom gen. Archiv herausgegebenen Quellensammlung ... Heft 2
15. vgl. Kirchl. Handbuch f.d.kath. Deutschland, 19.Bd., 1936; S. l09ff
16. Bei Aufnahme einer Schülerin mußte auch an der Ursulinenschule ein Exemplar den Eltern gegen Unterschrift ausgehändigt werden.
17. HAEK, GVA Düss. überh. 1 IV
18. Abschrift im Ordensarchiv

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